
Geschichte, die sich weiterdreht
Vor 30 Jahren wurde das Wasserrad der alten Dorfmühle nach aussen versetzt und damit für alle sichtbar gemacht. Seither ist es zu einer Sehenswürdigkeit von Buttisholz geworden. Dass es sich auch heute zuverlässig dreht, ist Menschen wie Isidor und Walter Stadelmann zu verdanken.
Text: Daniel Schriber
Kaum stehen Isidor und Walter Stadelmann vor der alten Dorfmühle, beginnen die beiden zu fachsimpeln. Der eine zeigt auf die Achse, der andere auf den Wasserzulauf. Und natürlich geht der Blick immer wieder nach oben zum mächtigen Wasserrad, das sich gemächlich an der Fassade dreht. Isidor Stadelmann, 84, kennt die Geschichte der Mühle wie kaum ein anderer. Während 40 Jahren war er Gemeindeschreiber von Buttisholz, zudem war er Geschäftsführer der GAB Genossenschaft und Präsident der Kulturstiftung.
Walter Stadelmann, 74, ist gelernter Schreiner und der Mann fürs Praktische: Seit acht Jahren kümmert er sich als Nachfolger von Franz Limacher im Auftrag der Genossenschaft GAB Buttisholz darum, dass das Wasserrad läuft. In diesem Jahr feiert das markante Rad ein besonderes Jubiläum: Vor genau 30 Jahren, am 22. August 1996, wurde das Wasserrad vor der Dorfmühle in Betrieb genommen. Zuvor hatte das Wasserrad seinen Platz im Innern des Gebäudes, wo seine Kraft einst zum Mahlen des Getreides genutzt wurde.
Ein Stück Geschichte wird sichtbar
Die Geschichte der Dorfmühle reicht weit zurück. Bereits im 11. Jahrhundert wird sie erstmals erwähnt, der heutige Bau stammt im Kern aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Bis 1974 wurde hier Getreide gemahlen. Der Müller kaufte Getreide aus der Umgebung auf und verarbeitete es in der Mühle. 1993 kaufte die GAB Genossenschaft das historische Gebäude. Den entscheidenden Anstoss gab 1996 eine Vorstandsreise der GAB ins Burgund, auf der die Idee entstand, das alte Mühlerad wieder sichtbar zu machen. Die Kulturstiftung träumte damals sogar von einem Dorfmuseum. Daraus wurde aus Kosten- und Aufwandsgründen nichts. Das Wasserrad aber wurde realisiert – und Ende August 1996 um rund eineinhalb Meter an die Aussenfläche versetzt.
«Zum Glück», sagt Isidor Stadelmann heute. Denn für ihn geht es um mehr als um ein schönes altes Bauwerk. «Mit dem Wasserrad können wir ein Stück Dorfgeschichte erhalten und den Leuten zeigen, was dahintersteckt.» Gerade mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum früheren Mühlenbetrieb werde dieses sichtbare Zeugnis wichtiger. Das 1996 montierte Rad musste nach gut 20 Jahren ersetzt werden. Seit 2017 dreht sich deshalb das heutige Wasserrad vor der Mühle. Es misst 4,2 Meter im Durchmesser, wiegt rund 2,1 Tonnen und wurde vom Trienger Holzkünstler Andreas Felber aus Schweizer Holz gefertigt.
Ein tragisches Ereignis
Zur 30-jährigen Geschichte gehört auch ein tragisches Ereignis. 2008 wurde ein achtjähriger Junge vom drehenden Wasserrad erfasst und verstarb an den Folgen seiner Verletzungen. In der Folge wurde das Gelände rund um das Wasserrad mit einem Zaun und einem verschliessbaren Tor gesichert.
Seither sind viele Jahre vergangen. Heute erlebt Walter Stadelmann immer wieder, wie das Wasserrad die Aufmerksamkeit von Passantinnen und Passanten auf sich zieht. Velofahrerinnen, Spaziergänger oder Durchreisende bleiben vor der Mühle stehen und zücken das Handy.
Angetrieben wird das Buttisholzer Wasserrad noch immer nach demselben einfachen Prinzip wie früher: allein mit der Kraft des Wassers. Dieses stammt aus dem Dorfbach und wird dreihundert Meter vor der Mühle abgezweigt und über den Mühlekanal zum Rad geführt. Nachdem es seine Arbeit getan hat, fliesst es wieder zurück in den Dorfbach. «Es braucht erstaunlich wenig Wasser, damit sich das Rad dreht», erklärt Walter Stadelmann. Damit das so bleibt, braucht es allerdings Pflege. Mindestens einmal pro Woche schaut der «Wasserradwart» nach dem Rechten. Läuft das Rad einmal nicht, geht er auf Fehlersuche. Nach Gewittern können Äste, Geschiebe und anderes Material die Wasserzufuhr behindern. Dann heisst es räumen und putzen.
Ein paar Tropfen Öl und viel Handarbeit
Auch am Rad selbst gibt es regelmässig etwas zu tun. Zwei sogenannte Tropföler sorgen dafür, dass die Achse kontinuierlich geschmiert wird. Alle sechs Minuten fällt jeweils ein Tropfen Öl ins Lager. «Das Lager ist in einem sehr guten Zustand», sagt Walter Stadelmann. «Das hält bestimmt nochmals 30 Jahre.» Ganz von allein geht es trotzdem nicht. Einmal jährlich stoppt Stadelmann das Wasserrad und reinigt es Stück für Stück von Kalk, Moos, Schlamm und anderen Ablagerungen. Hochdruck ist dabei tabu. «Dafür ist das Rad zu diffizil. Man muss es von Hand mit Schlauch und Bürste reinigen.» Eine Arbeit, die Zeit und Geduld braucht. Stadelmann nimmt es gelassen: «Ich habe ja Zeit», sagt er und lacht. Für Isidor Stadelmann ist genau dieses Engagement entscheidend. Ein solches Kulturgut zu erhalten, bedeutet eben nicht nur, es einmal herzurichten. Es braucht Menschen, die sich auch Jahre später darum kümmern. «Das Wasserrad macht unsere Geschichte sichtbar. Stünde es nicht mehr hier, würde auch ein Stück Dorfgeschichte verloren gehen.»
Und so dreht es sich weiter, das Wasserrad vor der alten Dorfmühle – 30 Jahre nachdem es seinen sichtbaren Platz im Buttisholzer Ortsbild erhalten hat. Wenn es nach Walter Stadelmann geht, darf das gerne noch lange so bleiben.


